Aus einem Brummen werden Laute

Zum ersten Mal im Leben konnten 62 rumänische Kinder gestern hören. Ein Hilfskonvoi hat ihnen vom Round Table Rheingau finanzierte Hörgeräte gebracht, der Rüdesheimer Hörgeräteakustiker Andreas Perscheid passt sie jetzt an.

[10.12.04, C. Weiler] Fast 20 Stunden am Tag verteilen seit Mittwoch ehrenamtliche Helfer in Rumänien Weihnachtspäckchen an bedürftige Kinder. Außerdem hat der gemeinsame Konvoi von Rudolf-Walther-Stiftung und Round Table Deutschland rund 100 Tonnen Hilfsgüter geladen, darunter 75 Hörgeräte. Mit ihrer Hilfe will Andreas Perscheid aus Rüdesheim schwer hörgeschädigten Kindern zum ersten Mal in ihrem Leben das Hören ermöglichen.

Andreas Perscheid konnte es zunächst nicht richtig fassen. Dass hörgeschädigte Kinder in Rumänien die Gebärdensprache lernen müssen, obwohl sie eigentlich hören könnten, das war für den Hörgeräteakustiker, der in Rüdesheim eine Meisterschule betreibt, nur schwer zu verstehen. Und das nur, weil Hörgeräte fehlen oder hoffnungslos überaltert sind.

Der Zufall führte ihn im vergangenen Jahr beim Verteilen der Weihnachtspäckchen an das Internat "Constantin Pufan" im westrumänischen Timisoara. 130 schwer hörgeschädigte Kinder leben hier, sie können sich nur in Gebärdensprache unterhalten. "In Deutschland wäre das eine Routinesache, und die Kinder würden eine Regelschule besuchen", erzählt Perscheid. "Es wäre schön, wenn man es auch hier einigen Kindern ermöglichen kann, zu hören", dachte sich der 34-Jährige. Wieder zu Hause versuchte er über seine Geschäftsbeziehungen, Hörgeräte zu organisieren. Die 13 Mitglieder des Round Table Rheingau, dem er auch angehört, haben Spenden gesammelt, um die neuen Hörgeräte mitzufinanzieren. 75 neue Hörgeräte im Wert von über 100 000 Euro kamen so zusammen. Mit dem Konvoi haben die vier Mitglieder, die den Konvoi begleiten, auch gleich 4 000 Batterien für die Geräte mitgebracht, die für etwa zwei Jahre halten dürften.

Nach 24-stündiger Wartezeit beim Zoll, in der Andreas Perscheid eigentlich schon die ersten Kinder treffen wollte, beginnt er seine Arbeit. Mit einer Silikonpaste fertigt er Plastiken die genau auf das Kinderohr passen. "Die Hörgeräte müssen maßgefertigt im Ohr sitzen, sonst halten sie nicht", erklärt Perscheid. Bis tief in die Nacht sitzt er im Kinderdorf der Rudolf-Walther-Stiftung und fräst den Silikonguss passgenau aus. Gestern wurden die ersten Geräte auf die individuelle Hörschädigung der Kinder programmiert. Schon in den Monaten zuvor hatte die Leiterin des Kinderheimes aus Rumänien via E-Mail die Audiogramme (Hörtests) der Kinder geschickt.

Um die digitalen Geräte auf die einzelnen Kinder einzustellen, hat Perscheid ein ganzes Labor mitgebracht, das neben den Fräsen auch zwei Computer mit Spezialsoftware enthält. Während das Labor zusammengebaut wird, macht Perscheid erste Tests mit den Kindern. Zum ersten Mal in ihrem Leben vernehmen sie mehr als ein fernes, dunkles Brummen. Ein seltsames Gefühl, aber sie strahlen. "Kinder müssen das Hören erst ganz neu lernen", erklärt Perscheid. "Sie können sich ja nicht wie alte Menschen daran erinnern."

Doch die Hörgeräte sind nur der erste Schritt auf einem mühsamen Weg für die Kinder. "Sie müssen jetzt neben dem Hören auch das Sprechen lernen", sagt der Hörgeräteakustiker. Dafür wurden extra CDs mit Programmen für Hör- und Stimmbildung mitgebracht. "Ich würde mich freuen, wenn ein paar von den Kindern, die wir heute gesehen haben, besser leben können", sagt Dirk Mohr während der Arbeiten. Und wenn der Konvoi heute Mittag wieder in Richtung Deutschland aufbricht, werden die Kinder damit beschäftigt sein, langsam das Erlebnis Hören zu erkunden. Im nächsten Jahr will Andreas Perscheid wieder kommen, um zu sehen, wie die Kinder hörend leben.